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Montag, 24. Juli, 2017

Zuhoeren ist der Sehnsuchtsort par excellence

Philosophie der Kommunikation
Bernhard Pörksen im Gespräch mit Catherine Newmark
Ein Beitrag von Deutschlandfunk Kultur, Juni 2017

zum Hören

„Unsere Gesellschaft leide unter einem Aufmerksamkeitsdefizit, meint der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Deswegen sei „echtes, wahres Zuhören“ selten und kostbar geworden. Doch wie kann diese Tugend gestärkt werden in Zeiten des permanenten Lärms?

Bernhard Pörksen zufolge lässt sich „echtes, wahres Zuhören“ – ein Ereignis, das gerade in Zeiten des permanenten Lärms selten und kostbar geworden ist – philosophisch als fast spirituelles Ereignis bestimmen: „Zuhören ist der Sehnsuchtsort par excellence. Es gibt fast nichts Beglückenderes als gehört zu werden.“ Denn darin liege eine „vollständigen Akzeptanz des Anderen. Also: Ich lasse den anderen in einer Weise an mich heran, dass er sich tatsächlich zeigen kann – in seiner Fremdheit, seiner Andersartigkeit, seiner Schönheit, seinem Schrecken.“

Zuhören in diesem Sinne lässt sich Pörksen zufolge weder planen noch befehlen. Man könne jemandem befehlen, zu reden – aber wer von jemandem fordere, er solle zuhören, der habe keine Kontrolle darüber, ob seiner Aufforderung auch Folge geleistet würde. „Der Akt des Zuhörens ist anders als der Akt des Redens ein Akt der Freiheit: Er setzt Autonomie voraus“ erklärt Pörksen. „Das Zuhören in diesem tiefen Sinne ist ein Geschenk“.

Was die Kommunikation im Alltag betrifft, die meist prosaischer abläuft, so trifft Pörksen eine Unterscheidung zwischen zwei Formen des Zuhörens oder der Aufmerksamkeit, nämlich einer egozentrischen und einer nicht-egozentrischen. Ersteres nennt Pörksen auch Zuhören mit dem „Ich-Ohr“, ein Zuhören, das geleitet sei von der Frage: „stimme ich mit dem überein, was der andere mir sagt“, mithin an dem Wunsch nach Bestätigung orientiert sei. Demgegenüber sei das Zuhören mit dem „Du-Ohr“ geleitet von der Frage: „in welcher Welt ist das, was der andere mir sagt, sinnvoll? In welche Welt passt es hinein?“
Alles Skandale gründen auf fehlendes Zuhören

Für die aktuelle politische Diskussionskultur und die zunehmende Zersplitterung der Gesellschaft in mediale Filterblasen stellt sich sofort die Frage, wie das offensichtlich rar gewordene Zuhören mit dem „Du-Ohr“ gestärkt werden kann. Pörksen beantwortet diese Frage mit dem Hinweis auf die Kosten, die aus Nicht-Zuhören folgen. Alle Skandale haben ihm zufolge ihren Ursprung in einem fehlenden Zuhören im System.

Für die politische Diskussionskultur stellt er „Wachstumsschmerzen der Medien- und Kommunikationsevolution“ fest, wir befänden uns „in einer Phase der mentalen Pubertät“ beim Umgang mit den neuen Medien. Soziale Netzwerke milderten ganz offensichtlich die Isolationsfurcht des Menschen – „das Medium radikalisiert das Bestätigungsdenken des Menschen, das ohnehin in uns angelegt ist“.

Die Frage, wie wir aus diesem egozentrischen Bestätigungskreis ausbrechen können, will Pörksen aber keineswegs bloß mit einer pastoralen Aufforderung zum sorgsameren Zuhören beantworten. Denn, so erklärt er abschließend: Im Zuhören kann auch eine politische Gefahr liegen. Es gäbe durchaus gute Gründe, sich zu entscheiden, politisch Radikalen nicht zuzuhören „weil dieser Akt des Zuhörens eben nicht nur ein Bemühen um Verstehen ist, sondern es ist auch ein indirektes Verständnis-Haben“. Und dieses Verständnis-Haben könne dann auch unversehens in Einverständnis münden.

Es gibt also, so stellt Pörksen abschließend klar, durchaus und mit guten Gründen „Grenzen des Zuhörens“.“

Montag, 8. November, 2010

„so reich wie der Klang ist, so arm ist das Bild“

MYTHEN DER WAHRNEHMUNG – ARGOS
Musik siegt –
Die Geschichte von Argos und Hermes
Michel Serres im Interview

zum Thema:
Nachdem Zeus, um seine Geliebte Io vor Hera zu retten, diese in eine weiße Kuh verwandelt hat, erbittet Hera, die die List durchschaut, die Kuh als Geschenk. Um ihren Gatten Zeus daran zu hindern, sie mit Io zu hintergehen, beauftragt Hera den hundertäugigen Argos, die Nymphe zu bewachen. Zeus, der die Qualen Ios nicht mehr ertragen kann, schickt seinen Sohn Hermes, um sie zu befreien.

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WAS TUT HERMES?
Hermes versucht nicht, sich mit Argos auf einem Gebiet zu messen, auf dem er unschlagbar ist. Die Quellen sagen Verschiedenes darüber, wie er ihn überlistet, ich habe daraus Folgendes gezogen: Hermes fertigt sich eine Syrinx, das heißt, er schneidet im Schilf eine Panflöte. Und da taucht Pan wieder auf: Pan gegen Panóptes: die Gesamtheit aller Töne gegen die Gesamtheit aller Blicke! Der große Kampf des Hörens gegen das Sehen. Wer wird gewinnen, was geschieht? Der Klang der Flöte rührt den Riesen so sehr, dass sein Blick vor Tränen ganz verschwommen ist, er sieht nichts mehr! Bald übermannt ihn eine große Lethargie, und nun ist es für Hermes ein Kinderspiel, ihm den Kopf abzuschlagen. (…)

WIE INTERPRETIEREN SIE DIESEN SIEG?
Als die Überlegenheit des Klangs gegenüber dem Sehen: Das Sehen fixiert einen Ort. Das Panoptikum verstärkt dies noch einmal, wie ein Zusammenspiel von mehreren Kameras. Aber der Klang? Der Klang ist ein Ereignis, das keinen Ort hat, es füllt den Raum aus. Das Objektiv einer Kamera kann man schwärzen oder abdecken, der Klang aber wird die Ohren erreichen. Warum wurde Argos besiegt? Weil der Klang seine Haut vor lauter Emotionen hat erzittern lassen und Tränen bei ihm ausgelöst hat. Der Blick schafft Distanz, die Musik berührt. Die Klangwelle kommt dahin, wo eine Lichtquelle nicht hingelangen könnte. Die Augen können Sie schließen, aber nicht die Ohren. Das stößt alles um, was bisher über die Macht unserer von Bildern dominierten Kultur gesagt wurde. (…) In einer Welt, aus der die Information bereits verschwunden ist, verweist der Klang das Sehen auf seinen Platz zurück. (…)“

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Michel Serres ist ein französischer Philosoph. Das Interview erschien in der Zeitschrift philosophie Magazin. Sonderausgabe 02: Die griechischen Mythen- Was sie über uns verraten. S. 68/69

Freitag, 8. Oktober, 2010

Thomas Mann aus „Mario und der Zauberer“

„…die Sprache [ist] ein Ingredienz der Lebensfreude, dem man (…) gesellschaftliche Schätzung entgegenbringt (…) Es sind vorbildliche Ehren, in denen das nationale Bindemittel der Muttersprache (…) steht, und etwas heiter Vorbildliches hat die genußreiche Ehrfurcht, mit der man ihre Formen und Lautgesetze betreut.

Man spricht mit Vergnügen, man hört mit Vergnügen – und man hört mit Urteil. Denn es gilt als Maßstab für den persönlichen Rang, wie einer spricht: Nachlässigkeit, Stümperei erregen Verachtung, Eleganz und Meisterschaft verschaffen menschliches Ansehen, weshalb auch der kleine Mann, sobald es ihm um seine Wirkung zu tun ist, sich in gewählten Wendungen versucht und sie mit Sorgfalt gestaltet“.